Immer wieder höre oder lese ich das jemand nach Videospielen verlangt, die ihn emotional bewegen, gar zu Tränen rühren. Zuletzt von Mick Schnelle: Gebt mir Gefühle.
Ich finde es verständlich dies zu verlangen, wenn man bedenkt das Videospiele zwar Geschichten erzählen und Charaktere haben, aber nie das Mitgefühl auslösen können wie wir es von Filmen kennen. Aber aus meiner Sicht erfüllen Videospiele eine andere Aufgabe als die Geschichten aus Büchern und Filmen. Videospiele sind virtuelle Spielsachen mit denen wir im selben emotionalen Kontext stehen wie mit unseren Plastiksoldaten oder Barbie Puppen von früher. Geweint haben wir da auch als wir uns verletzt haben, oder verletzt wurden weil uns jemand unser Spielzeug wegnahm. Ich sehe nicht das sich das gross ändern wird – auch wenn wir natürlich in der Spieleindustrie mehr tun können um wenigstens halbwegs interessante Stories zu entwickeln.
Und wir sollten uns vor Augen führen, wo Videospiele herkommen: Brettspiele und Rollenspiele – wobei bei letzterem wohl viele gleich an D&D denken aber ich meine z.b. auch Cowboy und Indianer. Jetzt möchte ich den sehen, der sich wünscht das er mal bei Monopoly, Mensch ärgere dich nicht oder Halma weinen möchte. Bu-huuuu!
Die Charaktere in Videospielen sind leblose Gestalten die mit unserer Wirklichkeit nichts zu tun haben. Daran ändert auch nichts die ständig verbesserte Grafik, wenn man das Problem des “uncanny valley” berücksichtigt. Das hält uns davon ab Mitgefühl mit nur augenscheinlich echten Menschen zu empfinden. Das ist auch der Grund warum uns Filme mit echten Schauspielern sehr viel eher unter die Haut gehen, während die gleiche Reaktion bei Zeichentrickfilmen und Mangas sehr viel schwieriger zu erreichen ist. Ich sage nicht, das es vollkommmen unmöglich ist Emotionen durch Spiele auszulösen, auch solche die besonders schwierig sind wie z.b. Mitleid und Sympathie. Es gibt schon heute entsprechende Spiele die durchaus in der Lage sind das zu erreichen, allerdings sind die ein Nischenprodukt und werden es auch bleiben. Interessante Experimente, sozusagen. Nicht mehr.
Und ganz emotionslos sind die Spiele natürlich auch nicht, Wut, Entsetzen, Überraschung, Frust, Freude, usw. ist alles heute schon vorhanden und wird intensiver erlebt wenn wir vernetzt zusammenspielen. Umgekehrt ist es auch so das wir z.b. im Fußball einen emotionsreichen Sport haben, der auch auf Computer und Konsole hervorragend umgesetzt ist. Dennoch ist der Gefühlsausbruch bei Gewinn der virtuellen Meisterschaft nicht mit dem Gewinn der echten Meisterschaft des Lieblingsvereins zu vergleichen. Müssen die Fußballspiele denn da noch irgendwie besser werden, oder tun sie schon alles richtig und wir müssen nur verstehen das es eine deutliche Grenze gibt zwischen virtuell und real erlebtem? Eine Grenze, die wie ich finde jeder von uns kennt und schon selbst erlebt hat, und das ist auch dieselbe Grenze die selbst ausgiebigste Killerspielespieler davon abhält, die gespielte Gewalt in echte umzusetzen.
Als Spieler will ich unterhalten werden, ich will die Spielregeln erlernen und beherrschen und auf jeden Fall Erfolge erzielen. Wenn ich nebenbei noch eine interessante Geschichte erlebe, die mich vielleicht sogar hinters Licht führt wie bei Bioshock, dann bin ich überrascht und erfreut. Aber nur wenn mich die Geschichte in meiner Handlungsfreiheit derart einschränkt das erfolgreiche Elemente aus Filmen eingesetzt werden können, dann können mich die Charaktere und Situationen auch emotionell berühren. Doch dann ist es an dem Punkt aus meiner Sicht kein Spiel mehr, sondern eine Cutscene – ob vorgerendert, Spielgrafik oder gar mit echten Schauspielern ist an dem Punkt eigentlich irrelevant. Was mir in so einer Szene bewusst wird, ist das es dann eben kein Spiel ist – wenn auch nur temporär – und dadurch fühle ich mich machtlos und somit wiederum viel eher distanziert von dem nun gezeigten Geschehen, als würde ich von vornherein einen Film sehen. Meine Einstellung ist aber: ich will spielen. Ich will die Kontrolle. Ich lenke das Geschehen. Eingespielte Filmszenen sehe ich eher als Belohnung für das vorankommen denn als Involvierung meines Ichs in der Spielwelt. Im Gegenteil, eine Cutscene reisst mich aus der Involvierung der ersten Person und degradiert mich für den Moment zur dritten Person, und das passiv. Ich ziehe aber Spiele vor die ihre Geschichte ohne Cutscenes vermitteln können, beispielsweise Half Life 2. Auch wenn die das ungleich schwieriger haben, denn diese Geschichte funktioniert auch nur dann wenn sie meine volle Aufmerksamkeit erfährt. Schliesslich hält mich nichts davon ab mit meiner Gravity Gun Unsinn anzustellen während sich die Charaktere vor mir ihre Liebe gestehen. Es sei denn, das Spiel raubt mir die Gravity Gun für den Moment. Wäre ich ein kleines Kind müsste ich dann vielleicht sogar weinen.
Gehen wir zu sogenannten free world Spielen wie GTA IV merken wir auch schnell das die Welt “free” ist aber die Story in linear ablaufenden Cutscenes erfolgt. Deswegen wird sie auch von vielen als gut empfunden. Und das ist sie im Falle von GTA IV auch. Dabei ist unerheblich ob mich die Geschichte interessiert oder nicht, das besondere an GTA IV ist das die Charaktere innerhalb der Spielwelt eine hohe Glaubwürdigkeit haben. Grundvoraussetzung für eine gute Geschichte. Emotional bewegen tut sie mich trotzdem nicht, selbst wenn die Charaktere menschlicher wären. Weil das eigentliche Spiel im Widerspruch zur Menschlichkeit der Charaktere stünde. Es würde einfach nicht zusammenpassen im selben Spiel herzzerreisende Geschichten zu erleben und im nächsten Moment Passanten auf dem Gehsteig zu überfahren. In diesem Sinne: es erwartet auch keiner eine Beziehungskiste wenn er sich Crank ansieht.
Oder nehmen wir japanische Rollenspiele, bei denen eine grosse Erzählkunst und tiefgehende Charaktere immer wieder neue Maßstäbe setzen. Manch einer fand den Tod seines Weggefährten derart berührend das er sich noch Jahre später daran erinnert. Warum? Weil diese Spiele voll sind von wundervoll inszenierten Mini-Filmchen die die Story vorantreiben. Schauen wir auf das eigentliche Spiel, dann haben wir ein Regelsystem mit rundenbasiertem Kämpfen. Ich wundere mich immer wieder über diese Diskrepanz zwischen Story und Spiel, und warum es nicht abgrundtief lächerlich wirkt. Diese Spiele schaffen es, die in den Zwischensequenzen aufgebauten Sympathien und Antipathien in das Kampfsystem rüberzuretten. Wir wissen das es nur ein Theaterstück ist, sind aber gern bereit darin mitzuspielen. Weil, wie ich denke, von diesen Spielen unsere Fantasie geschickt ausgenutzt wird.
Und da wären wir auch schon am Punkt: würde ich mir freiwillig einen Film ansehen wollen, von dem ich schon von vornherein weiss das er mich zutiefst durch Mitleid, Entsetzen, Trauer zu Tränen rühren und mein Innerstes aufwühlen wird? Eher nicht, Moderation ist hier angesagt. Ein oder zwei Szenen in einem Film, das reicht uns doch schon. Aber wie oft kommt das wirklich vor, in Film und Fernsehen, das uns Schicksale derart Nahe gehen? Ich finde überraschend selten, wenn man mal genau darauf achtet. Wann lief denn z.b. der letzte Tatort der uns emotional berührt hat? Oder die letzte Folge von Dexter bei der wir Entsetzen empfanden? Trotzdem wird jetzt keiner verlangen das mich Film und Fernsehen stärker emotional mitreissen sollen – in erster Linie wollen wir doch unterhalten werden. Und das sollten wir dann auch bitte nicht von Videospielen verlangen, zumal die Videospiele noch von ganz anderen Dingen leben, die kein Film bieten kann. Filme wollen erreichen, das wir ihre Charaktere begleiten. Spiele lassen uns die Charaktere leiten.
Ich denke einfach, in Videospielen muss ich keine herzergreifenden Heiratsanträge stellen oder meinen virtuellen Partner in meinen virtuellen Händen sterben sehen. Ab und an kann das ganz interessant sein aber das macht eben nicht den Reiz von Videospielen aus, und vor allem macht es sie nicht besser. Wir können keine noch so tolle Story erzählen, wenn die Spielmechanik Mist ist, die Steuerung ungenau oder die Physikengine mal wieder Dinge in der Luft schweben lässt. Deswegen würde ich auf solche emotional bewegenden Geschichten in Videospielen weder warten noch sie einfordern, denn es ist eigentlich gar nicht in unserem Interesse bei Spielen dieselben Maßstäbe anzusetzen wie bei Filmen. Nur weil die beiden Medien sich visuell annähern, heisst das noch lange nicht das ich als Spieler auch fühlende Menschen in den Nichtspielercharakteren (NPCs) sehe anstatt vermenschlichte Halmasteine, die ich jederzeit ohne mit der Wimper zu zucken umwerfen kann. Weil ich kann ja auch einfach den letzten Spielstand wieder laden, ich wollte schliesslich nur mal sehen ob das Spiel das zulässt. Das wäre, als würde man einen Film wie Titanic ständig vor- und zurückspulen weil man nochmal genau sehen will wie das Schiff auseinanderbricht. In dem Moment ist unser Bezug zu den Charakteren im Film ebenfalls verlorengegangen.
Und das ist in meinen Augen auch der Grund, warum gewalthaltige Videospiele keine virtuellen Mordsimulatoren sind. Wir sind uns stets bewusst, das der virtuelle Tod nie endlich ist, und frustriert oder verärgert sind wir nur darüber das uns das Spiel jetzt für einige Sekunden lang aus dem Spiel nimmt und wir einen Punkt verloren haben. Oft sogar weil wir uns selbst vorzuwerfen haben wie blöde wir gerade agiert haben. Ich würde nun nicht behaupten das gewalthaltige Videospiele für jeden vollkommen harmlos sind – jeder kann sich krankhaft in eine Fantasiewelt zurückziehen – aber im grossen und ganzen dürfen sich doch 99.998% der Bevölkerung daran schadlos erfreuen. Und die Behauptung das uns solche Spiele desensibilisieren würden, weil wir sie nach einiger Zeit nur noch konzentriert und emotionslos spielen, ist genauso albern. Wenn ich einen Film zwanzig mal gesehen habe, werde ich ihn auch nur noch emotionslos konsumieren und nicht mehr zu Tränen gerührt sein wenn er ihr zum zwanzigsten mal den Heiratsantrag stellt. Das heisst aber nicht das ich in einer ähnlichen Situation, in einem anderen Film, nun nur noch müde Gähnen muss wenn sie ihm das Ja Wort gibt.
In diesem Sinne: ballert weiter, habt vor allem viel Spass und spart euch die Gefühlsausbrüche für euren eigenen Heiratsantrag.




